PUBLIKATIONEN / NEUERSCHEINUNGEN

Degenhard May

DIE FLASCHENFABRIK KREUZNACHER GLASHĂśTTE

1865 - 1919

Ein Beitrag zur regionalen Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Hrsg: Landesmedienzentrum Rheinland-Pfalz, Koblenz
Verein fĂĽr Heimatkunde fĂĽr Stadt und Kreis Bad Kreuznach e.V.
Koblenz 2001

EinfĂĽhrung:

Im Jahre 1919 musste die Flaschenfabrik Kreuznacher Glashütte – so die offizielle Firmenbezeichnung – schließen. Seither sind fast drei Generationen vergangen. Die Glasarbeiter, auch die meisten ihrer Töchter und Söhne, leben nicht mehr. Die Erinnerung an jene Zeit ist verblasst und die Lebens- und Arbeitswelt jener Menschen ist uns fremd geworden. Aus dem Werk selbst blieb kaum etwas erhalten: Büroakten, Angebotslisten, Werkzeuge und Flaschenbestände sind verschwunden. Auch von den Gebäuden selbst blieb nichts bewahrt, sie mussten im Herbst 1966 Platz für ein Schulzentrum machen. Damals interessierte sich kaum jemand für die Erhaltung solcher Gebäude als Industriedenkmäler. Daher stellte sich die Aufgabe, die Geschichte dieses Werkes und seiner Menschen vor dem Vergessen zu bewahren.

Eine Spurensuche begann. Manches fand sich im Archiv der Stadt Bad Kreuznach. Eine wichtige Quelle bildeten  dort die Städtischen Industrie- bzw. Verwaltungsberichte und Berichte im „Oeffentlichen Anzeiger“ der hiesigen Tageszeitung. Das Landeshauptarchiv Koblenz bewahrt einige Dokumente zu den Anfängen der Gewerkschaft und zu den ersten Streiks. Als besonders hilfreich beim Zusammentragen von Gegenständen und Informationen erwies sich das lebhafte Interesse der Nachfahren der Glasarbeiter, aber auch anderer Personen, das sich u.a. an der Bereitstellung von ErinnerungsstĂĽcken wie Fotos, Flaschen, Medaillen, Anstecknadeln und ihren Berichten aus der Zeit der Glasfabrik zeigte. DafĂĽr sei ihnen von Herzen gedankt. Der Dank geht aber ebenso sehr an das Schlossparkmuseum in Bad Kreuznach, das Flaschen zum Fotografieren, und an das Stadtarchiv, das Fotos, Zeitungen und andere Materialien zur VerfĂĽgung stellte.

Besonders schwierig war es, Licht in die Anfangsjahre der Glasfabrik zu bringen. Spärlich flieĂźen aber auch die  Quellen fĂĽr die Zeit ab 1900, als die Kreuznacher HĂĽtte ein Zweigwerk der Gerresheimer GlashĂĽtte war, denn dessen Werksarchiv fiel den Bomben des 2. Weltkriegs zum Opfer.

Daher ist der Umfang des Quellenmaterials für die Abfassung der Geschichte dieses Betriebs recht bescheiden. Dadurch bot sich mehr Raum für die Möglichkeit, die Kreuznacher Glashütte und ihre Geschichte in einen größeren Zusammenhang zu stellen, genauer : sie als Beispiel für die Entwicklung der ganzen Branche zu betrachten. Die dargestellte technische Entwicklung in der Produktion, die hier ebenfalls beschriebenen konjunkturellen Einflüsse auf die wirtschaftliche Entwicklung des Betriebes, aber auch die Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen der Glasarbeiter sind durchaus auf andere Standorte, sei es im Saarland, in Gerresheim bei Düsseldorf, in Dresden oder anderswo in Deutschland. übertragbar. Die Branche gehörte dank der steigenden Nachfrage nach Weinflaschen neben der Eisen- und Stahlindustrie zu den bedeutenden Wachstumsbranchen des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Die jährlich in die Millionen gehende Zahl produzierter Wein- und Sektflaschen, das gut ausgebaute Vertriebsnetz in SĂĽdwestdeutschland und die hohe Anzahl der Arbeitskräfte belegen eindrucksvoll die ĂĽberragende Bedeutung der Fabrik fĂĽr Kreuznach selbst und die Region. Der Standort, der zunächst orientiert war an der ländlich geprägten Umgebung als Absatzmarkt, förderte die Tendenz der Weinbranche, in der Vermarktung vom Fass- zum Flaschenwein ĂĽberzugehen. So hat die Kreuznacher Flaschenfabrik indirekt zu einer Qualitätsverbesserung des Weins beigetragen und damit einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum steigenden Konsum von Flaschenwein, auch im Ausland, geleistet.

Es sei noch auf den umfangreichen Materialteil hingewiesen, der aus ganz unterschiedlichen Texten besteht und fortführt und vertieft, was im Hauptteil angesprochen ist. Damit hat der Leser die Möglichkeit, nach eigener Wahl einen ganz unmittelbaren, lebendigen Eindruck in die Zeit der Kreuznacher Glashütte und ihrer Flaschenproduktion zu gewinnen...

Aus dem Inhalt :

1. Die Fabrik (Standortvoraussetzungen - Der Weg zur Massenproduktion -  Die Fabrikation von Weinflaschen im 19. Jahrhundert - Merkmale einer guten Weinflasche - Die Ă–fen -  Die Rohstoffe zur Flaschenglaserzeugung - Das Gemenge - Lage und Ansichten der Kreuznacher GlashĂĽtte – Die Produkte) -  2. Die Menschen  (Die verschiedenen Berufsgruppen – Arbeitszeiten und Arbeitssituation – Arbeitsleistung, Arbeitskleidung – Verdienst – Wohnviertel, Wohnverhältnisse und Mobilität der Glasarbeiter – Die sozialen Einrichtungen der Glasfabrik – Die Anfänge der gewerkschaftlichen Organisation – Die Freizeit) - 3.Materialien (Die Kreuznacher GlashĂĽtte im Spiegel von Betriebsnachrichten und Jahresberichten – Fabrikordnung von 1882  u.a.)  4. Quellen und Literatur– 5. Verzeichnis der Abbildungen.